
Die Herabwürdigung von Migration, komplexen Biografien und die steigende Bedrohung der pluralen, offenen Gesellschaft zeigen sich drastisch und bedrohlich vor un- seren Augen. Perspektiven von People of Color und von Menschen, deren Familien oder die selbst eingewandert sind, fehlen im öffentlichen Diskurs häufig in eklatan- ter Weise, obwohl ihre Repräsentation und ihre Präsenz dringend nötig und seit Jahrzehnten möglich sind. Das Trickster Orchestra spielt als Reaktion auf diese Zustän- de und Leerstellen die Uraufführung des Werks UNSETT- LING SOUNDS. Das Berliner Ensemble entwickelt dazu neue kollektive Improvisationskonzepte und untersucht trans-traditionellen Klang als Möglichkeiten, emotiona- len Zuständen von Verunsicherung, empfundener Bedro- hung und Sprachlosigkeit Ausdruck zu verleihen. Dabei steht im Zentrum, welche Klang- und Raumformen sich mit Empfindungen von Verunsicherung verbinden lassen: Welche Klangsprache kann anhaltender Gewalt und er- fahrener Entmenschlichung Gehör verschaffen? Über glo- bale Instrumentierung, aktuelle Lyrik und transkulturellen Sprach- und Klangfarbenreichtum markiert das jüngst in die „Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland“ auf- genommene Trickster Orchestra die Bedrohungslagen für postmigrantisches, vielfältiges Leben und multiper- spektivisches Denken in Deutschland. Die Inszenierung in der AEG-Industriehalle in Oberschöneweide reduziert Möglichkeiten, Halt zu finden und Schallquellen zu orten: Akustische Perspektivwechsel, Bewegung und die Befra- gung des Verhältnisses zwischen Musiker:innen und Zu- hörer:innen desorientieren und öffnen den Hörraum. UN- SETTLING SOUNDS entwickelt anhand des Paradigmas der Verunsicherung akustische Formen, die Neue Musik mit einem aktiven Zugriff auf gesellschaftliche Zustände verbindet und formuliert so eine musikalische Interven- tion, die dazu anregt, postmigrantischem Leben Gehör, Präsenz und Anerkennung zu verschaffen.
KURZ-BIO
Li-Chin ist eine junge Sheng-Spielerin aus Taiwan und gehört zu einer kleinen Gruppe von Musiker:innen, die gleichermaßen als Interpretin und Komponistin tätig sind. Ihre Arbeit verbindet virtuos gespielte traditionelle Instrumentalmusik mit zeitgenössischen Ausdrucksformen.
Nach ihrer Tätigkeit als festes Mitglied des Hong Kong Chinese Orchestra ist Li-Chin heute Teil der Ka Dao Yin Music Group (auch bekannt als Caught Up In). Das Debütalbum der Gruppe Slow wurde 2014 bei den Golden Melody Awardsfür traditionelle Kunst und Musik als Best Fusion Album ausgezeichnet.
In den letzten Jahren widmet sich Li-Chin intensiv der Verbindung von Sheng, elektronischer Musik und visuellen Medien. Darüber hinaus erforscht sie neue performative Formate an der Schnittstelle von Musik und darstellender Kunst und erweitert so kontinuierlich die Ausdrucksmöglichkeiten ihres Instruments.